Was ist Care-Arbeit?
Gleichberechtigte Elternschaft bedeutet, dass beide (oder alle, s. Alloparenting) Elternteile die Verantwortung und Aufgaben in ihrer gemeinsamen Elternschaft fair aufteilen.[@zotero-1708], [@schrammel2022]
Das klingt erstmal logisch, oder? Zumindest in der heutigen Zeit würde wahrscheinlich niemand verneinen, dass sich beide Elternteile gleichermaßen um das eigene Kind kümmern sollten. Und, dass man sein eigenes Leben irgendwie unter Kontrolle haben sollte leuchtet auch ein. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Was bedeutet zum Beispiel "gleichermaßen kümmern" in diesem Kontext?
Das statistische Bundesamt hat für 2022 den sog. Gender Care Gap erhoben:
Der Gender Care Gap beschreibt [...] den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Zeitaufwand für unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern in Prozent. [...]
Hiernach leisteten deutsche Frauen in diesem Jahr 44,3% mehr Care-Arbeit als Männer. Das bedeutet, dass sie täglich fast eineinhalbmal so viel Zeit in Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege, etc. investierten wie ihre männlichen Artgenossen.
Um diesen Zusammenhang näher beleuchten zu können, ist ein Blick in das Konzept "Care-Arbeit" notwendig.
Care-Arbeit umfasst alle Tätigkeiten, die mit Fürsorge und Verantwortungsübernahme zu tun haben - dazu gehören u.a. die Erziehung und Förderung von Kindern, die Pflege von Angehörigen, Haushaltsarbeit und die Organisation des Familienalltags. [@schrammel2022], p. 2
Care-Arbeit wird heutzutage immernoch hauptsächlich von Frauen ausgeführt. Damit die darin versteckte Problematik deutlich wird, sind zwei weitere Konzepte zu verstehen: Shadow Work und Mental Load.
Das Konzept "Shadow Work" wurde von Ivan Illich im Jahr 1981 definiert [@illich1981] und beschreibt Aktivitäten, die nicht als offizielle, bezahlte Arbeit anerkannt werden, jedoch entscheidend für das Funktionieren des Alltags und der Gesellschaft sind [@illich1981, p.54]. Er schreibt außerdem, dass Menschen zunehmend gezwungen werden, unbezahlte Arbeit zu leisten, die früher in gemeinschaftliche Strukturen eingebunden war [@illich1981, p.10]. Hier wird eine Brücke zu einer modernen Redewendung klar. Jeder von uns kennt Sprüche wie: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen." Darin steckt nicht nur ein Funken an Wahrheit. Dieser Zusammenhang wird allerdings in einem eigenen Blog-Post erörtert, da das hier zu weit führen würde. Care-Arbeit ist also ein Paradebeispiel für Shadow Work: Sie ist unsichtbar und wird nicht entlohnt - aber ohne sie würde die Gesellschaft vermutlich zusammenbrechen.
Zurück zu Illich. Er sieht in Shadow Work eine Tendenz der modernen Gesellschaft den Wert unbezahlter Arbeit und die Belastung der Individuen zu ignorieren [@illich1981, p.14].
Aber welche Belastung genau? Hier knüpft das Konzept "Mental Load" an.
Das Konzept kann sehr gut anhand von Prozessen veranschaulicht werden. Jeder von uns kennt Prozesse und durchläuft täglich unzählige davon. Immer, wenn wir eine Aufgabe erledigen, sind wir am Ende eines Prozesses angelangt. Das Ende des Prozesses "Einkaufen" kann beispielsweise dann erreicht sein, wenn wir die eingekauften Lebensmittel in den Kühlschrank gepackt haben. Der Prozess "Einkaufen" kann hierbei beliebig einfach oder komplex sein - je nach dem wie genau man eben ist. Wie spielt Mental Load jetzt hier rein?
Das kann ab hier sehr leicht beantwortet werden:
- Wer hat geplant was es heute zu Essen geben soll?
- Wer hat in den Kühlschrank geguckt, um zu wissen welche Lebensmittel für das Rezept noch da sind?
- Wer hat die fehlenden Lebensmittel auf die Liste geschrieben?
Abhängig davon wie kompliziert man sich den Prozess "Einkaufen" gedacht hat, kommen etliche weitere Fragen dazu und die Liste wird in der Realität sehr lang. Und das ist gerade einmal ein einziger Prozess!
Wie sieht es mit den Prozessen "Haushalt" oder "Kind impfen" aus?
- Wer hat im Blick wann Schulferien sind?
- Wer macht Arzttermine für das Kind?
- Wer weiß wann die Pflanzen das letzte Mal gegossen wurden?
Ich glaube der Punkt ist klar geworden. Mental Load ist die psychische Belastung, die mit der Verantwortung für einen Gesamtprozess einhergeht. Meist sind es nur kleine Dinge, die man "im Vorbeigehen" aufnimmt und mental notiert, aber die Menge dieser Dinge, die im Alltag auf uns einwirken, avancieren zu einem nicht unerheblichen Stressfaktor.
Die bloße Ausführung des Prozesses (Kind zum Kinderarzt bringen, Müll rausbringen, etc.) bedarf keiner bzw. nur sehr wenig mentaler Verantwortungslast, wenn man bspw. das Datum des Kinderarztbesuchs im gemeinsamen Kalender sieht.
Wer sich mehr für das Thema interessiert und weitere Anwendungsfälle lesen möchte, dem sei der Comic "you should've asked" von Emma ans Herz gelegt.
[@emma2017]
Okay, wir wissen jetzt also was Care-Arbeit ist, dass es viel Stress auslösen kann und dass heutzutage hauptsächlich Frauen diese Arbeit (unentgeltlich) ausführen. Um auf die Erhebung des statistischen Bundesamts zurückzukommen: Frauen leisten 44,3% mehr Care-Arbeit als Männer. Diese Arbeit ist weder gesellschaftlich großartig anerkannt noch vergütet. Gleichzeitig soll daneben noch genug Zeit für Erwerbsarbeit und Entspannung/Hobbies übrig bleiben. Aus meiner männlichen Sicht hat mich diese Erkenntnis ehrlich gesagt getroffen: Wenn ich schon das Gefühl habe, wenig Zeit für mich zu haben – wie muss es dann erst für meine Partnerin sein, die den Großteil der Care-Arbeit übernimmt?
Die Care-Arbeit fair aufzuteilen ist ein wichtiger Bestandteil in gleichberechtigter Elternschaft und zugleich extrem schwer. Das liegt zum Teil an gelernten Mustern, die wir bei unseren eigenen Eltern beobachten konnten und den Werten, die uns in unserer Erziehung vermittelt wurden, aber auch an dem, was sich unsere Gesellschaft unter Gleichberechtigung vorstellt. Um dieses gravierende Ungleichgewicht in unserem Elternschaftsmodell aufzugreifen und anzugehen, ist es notwendig sich kritisch mit den eigenen Erwartungen auseinanderzusetzen, die wir an unsere Partner haben. Dafür gibt es keine One-Size-Fits-All Lösung, sondern muss individuell untereinander ausgehandelt werden.
Im Folgenden habe ich sieben Ansätze aufgeschrieben, die dabei helfen können das Ungleichgewicht zu reduzieren:
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Proaktiv statt reaktiv Aufgaben erledigen: Nicht darauf warten, dass der andere mich daran erinnert, sondern selbst aktiv werden
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Verantwortung übernehmen: Nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern auch die Planung und Organisation dahinter (z.B. Kita-An-/Abmeldungen, Arzttermine)
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Regelmäßige Check-Ins führen: Bewusst Zeiten schaffen, um über die aktuelle Aufgabenteilung zu sprechen und ggf. anzupassen
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Zuständigkeiten klar definieren: Statt "Ich helfe mit" sollten feste Verantwortungsbereiche geschaffen werden.
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Mental Load sichtbar machen: Jeder schreibt möglichst genau auf, welche alltäglichen Aufgaben er/sie übernimmt. Vergleicht eure Listen.
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Rollentausch: Eine Woche lang übernehmt ihr die Aufgaben des jeweils anderen (bzw. das, wovon ihr denkt dass es die Aufgaben sind) und am Ende vergleicht ihr eure Erfahrungen.
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Eigene Prägung hinterfragen: Musste ich als Kind schon im Haushalt mithelfen? Wurde mir Verantwortung für solche Aufgaben übertragen?
Mir hat ganz konkret besonders folgender Ansatz geholfen, der mir von meiner Partnerin gegeben wurde.
Stelle dir vor, dass dein/e PartnerIn morgen sterben würde. Während du mit der Trauer und der Planung der Beisetzung beschäftigt bist, stehst du jetzt vor der Herausforderung dich hauptverantwortlich um euer Kind zu kümmern. Kommst du zurecht?
Beantworte diese Frage für dich möglichst ehrlich, um den größten Effekt daraus zu erzielen. Weißt du zum Beispiel welche Versicherungen auf euch laufen und wo die Passwörter dafür sind? Weißt du wann euer Kind morgens in die Kita muss und welche Freunde es hat für sozialen Kontaktaufbau? Weißt du welches Essen dein Kind mag und was in die Brotbox gehört? Weißt du welche Kleider-/Schuhgröße als nächstes besorgt werden muss?
Diese Fragen und noch viele weitere Fragen habe ich mir daraufhin gestellt. Ich muss dazu sagen, dass ich noch lange nicht am Ende dieser Fragenliste angekommen bin und immer wieder neue Themen aufkommen, die ich nicht im Blick hatte, aber meine Partnerin eben schon. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage hat mir geholfen, wirklich zu verstehen, was meine Partnerin täglich leistet. Sie hat mir eine neue Dankbarkeit dafür gegeben – nicht nur für das, was sie tut, sondern dafür, dass sie da ist. Und sie hat mir einen Weg geöffnet, selbst mehr Verantwortung in meiner Vaterrolle zu übernehmen und meine Partnerin endlich zu entlasten - sie hat es nämlich mehr als verdient.
Bibliographie und weiterführende Quellen
Derboven, W. (2019) Elternschaft als Arbeit: Familiales Care-Handeln für Kinder. Eine arbeitssoziologische Analyse. 1st edn. Bielefeld, Germany: transcript Verlag (Care - Forschung und Praxis). Available at: https://doi.org/10.14361/9783839449417.
@derboven2019
EMMA (2017) ‘You should’ve asked’, Emma, 20 May. Available at: https://english.emmaclit.com/2017/05/20/you-shouldve-asked/ (Accessed: 6 March 2025).
@emma2017
Illich, I. (1981) Shadow Work. New York: Marion Boyars.
@illich1981
Schrammel, B. (2022) ‘Mental-Load: Ein psychodramatischer Blick auf die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit’, Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, 21(2), pp. 369–379. Available at: https://doi.org/10.1007/s11620-022-00690-9.
@schrammel2022
Gleichberechtigte Elternschaft | Randstad (no date). Available at: https://www.randstad.de/karriere/karriereratgeber/gleichberechtigte-elternschaft/ (Accessed: 4 March 2025).
@zotero-1708
Gender Care Gap (no date) Statistisches Bundesamt. Available at: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Gleichstellungsindikatoren/gender-care-gap-f33.html (Accessed: 6 March 2025).
@zotero-1743